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Zeitbankler/Innen erzählen

Liebe HomepageleserIn,

 

bei so viel Info auf unserer Homepage freue ich mich, dass Sie sich die Zeit für diese Seite nehmen. Ich hoffe, dass noch viele Berichte unserer Mitglieder folgen.

Wir haben die Erfahrung  gemacht, dass Hilfe annehmen oft schwerer ist als Hilfe zu geben. Alles will man so lange wie möglich selber erledigen, ich bin auch nicht besser. Es gibt jedoch Situationen, in welchen man heilfroh ist, Hilfe von jemand anderem zu bekommen.

Mein Vater (89 Jahre) wurde kurz vor Mittag aus dem Krankenhaus entlassen. Der Arzt ging mit mir die neu erstellte Medikamentenliste durch. Es befanden sich auch 2 neue Medikamente darauf, welche er bereits abends weiter einnehmen musste.  Unsere beiden praktischen Ärzte in der Gemeinde haben   Hausapotheken, welche zwar sehr bequem, jedoch am Nachmittag nicht offen sind.  Ich ersuchte den Arzt, mir einige von den neuen und sehr wichtigen Tabletten mitzugeben oder ein Rezept für die Apotheke auszustellen. Beides konnte oder wollte er nicht machen. Ich lernte daraus, dass das von KH zu KH oder von Arzt zu Arzt nicht immer gleich ist. Ich kam in Panik, wusste ich doch, dass der an diesem Tag diensthabende praktische Arzt unserer Gemeinde, Herrn Dr. Nöbauer, bis ich mit Papa heimkomme, bereits seine Praxis geschlossen hat. Meine Familie konnte ich telefonisch nicht erreichen und die bereits begonnene Therapie bei meinem Papa sollte auch nicht unterbrochen werden.  Da fiel mir ein:,, Ich hol mir Hilfe über die Zeitbank!  Josef wohnt nur einige Häuser entfernt von Dr. Nöbauer“. Er war per Telefon sofort erreichbar und bereit, mir die Medikamente zu besorgen. Bei Heidi, der Arzthelferin, erkundigte ich mich noch, ob sie die Medikamente lagernd hätte und sie ohne Vorzeigen der E-Card Josef mitgeben würde. Auch sie war, wie immer, äußerst hilfsbereit und so konnte ich bereits am Nachmittag die so wichtigen Medikamente bei Josef abholen und ihm glücklich den Zeitscheck überreichen. Auch Josef freute sich, denn so wurde ihm klar, dass er ein wichtiges Glied in der Zeitbank ist und mit seinen damals 85 Jahren noch wertvolle Hilfe leisten kann,  ganz nach dem Zeitbankmotto „Es ist ein gutes Gefühl noch gebraucht zu werden“.  Die E-Card und das Geld für die Rezeptgebühr habe ich am nächsten Tag bei Heidi nachgereicht. Wie gut war es da,  dass ich die Telefonnummern der Helfer in  meinem Handy gespeichert hatte.

Ein zweites Erlebnis zeigte mir wiederum, dass es nicht immer die großen Dinge sind, die einem glücklich machen, sondern auch kleinere Hilfeleistungen Großes bewirken können.Meine Freundin Sylvia ist nach einem schweren Unfall 16 Jahre im Wachkoma gelegen und nach einer sehr schweren und für ihre Familie sehr aufopferungsvollen Zeit, verstorben. Zusammen mit unserem kleinen Freundeskreis, in welchem wir mit Sylvia und ihrem Mann Franz vor ihrem Unfall viel Spaß hatte, wollten wir gerade in die Kirche zum Trauergottesdienst gehen, da fiel mir ein, dass ich  auf die Blumen, welche wir bei der Verabschiedung an ihrem Sarg niederlegen wollten, vergessen hatte. Ich war  wie gelähmt, es war mir doch so ein Bedürfnis dies zu tun. Niemand konnte mir helfen, waren doch alle unsere Freunde und Nachbarn ebenfalls bereits auf dem Weg in die Kirche. Und wieder half mir ein Mitglied unseres so tollen Vereines  aus meiner Verzweiflung. Helga, unsere Schriftführerin, wohnt in der Nähe der Kirche. Ich habe sie angerufen und gebeten, ob sie im Blumenladen des Nachbarortes 10 weiße Rosen, mit jeweils einer  schwarzen Schleife dekoriert, besorgen und mir innerhalb der nächsten Stunde in der Nähe der Aufbahrungshalle bereitlegen könne. Helga hat sofort gemerkt, dass mir das ein großes Anliegen war. Sie hatte Zeit und ist sofort losgefahren, um die Blumen zu besorgen. Ich bin beruhigt in die Kirche gegangen und durfte dort nicht nur den Herrgott bitten, Sylvia in seinen Schoß aufzunehmen, sondern ihm auch danken, dass er uns bei der Dorfbildmesse in Hinterstoder Alex und Hilde Gruber, welche in der Gemeinde Molln gerade ein Jahr lang als Pilotprojekt die Zeitbank 55+ testeten, über den Weg schickte.

Ein weiteres Erlebnis von mir und meiner Familie. Mein Mann und ich hatten gerade die Koffer gepackt, um in Urlaub zu fliegen.  Da stellte meine Mutter am späten Nachmittag vor unserer Abreise fest, dass die äußeren zwei unserer 14 Balkonblumentröge noch vorne hingen. Es stimmte etwas nicht mit ihnen. Als mein Mann abends heimkam, besahen wir uns gemeinsam noch mit der Taschenlampe den Schaden. Er stellte jedoch  fest,  dass alles durchgerostet war und er so kurzfristig nichts mehr machen könnte.  Wir haben sehr talentierte und hilfsbereite Nachbarn, doch will man ja nicht alles auf sie abwälzen. Dann möchte man sich dafür revanchieren und kauft als Dank Blumen oder eine Flasche Wein für den Hilfsdienst. Doch wenn das mehrmals der Fall ist, ist das auch keine gute Idee.  In diesem Fall habe ich frühmorgens bereits unseren Alleskönner Adi angerufen. Zwar habe ich ihn nicht sofort erreicht aber er hat, als er meine Nachricht auf der Mailbox hörte,  zurückgerufen und Hilfe versprochen. Wir sollten beruhigt zum Flughafen fahren, er würde sich gleich darum kümmern. Meine Eltern, mein Mann und ich waren wieder zuversichtlich. Wir sind noch nicht einmal im Flugzeug gesessen hat Adi schon angerufen und mitgeteilt, er hätte sich die Sache angesehen und  ein Ersatzteil gekauft , es wäre bereits wieder alles in Ordnung. Wir konnten wirklich beruhigt abfliegen und unseren Urlaub genießen. Keine Pralinen, kein Geschenk, das niemand brauchen kann, meine Eltern, die natürlich auch Zeitbankler sind, haben mit einem Zeitschein bezahlt. Noch heute reden sie vom Adi und wie rasch er ihnen geholfen hat.

Erwähnen möchte ich noch, dass ich keine/en dieser drei hier erwähnten hilfreichen Personen, bevor die Zeitbank gegründet wurde, kannte.

Als Obfrau des Vereines bekomme ich natürlich sehr oft mit, wenn wieder eines dieser kleinen oder auch größeren „Wunder“  geschehen ist und darf mich mit unseren Mitgliedern mitfreuen. Ich bin überzeugt, ich habe im Verein die schönste Aufgabe übernommen. Dank unseres guten Zusammenhaltes im Vorstand lassen sich die manchmal zu überwindenden Hürden leichter nehmen. Mein Bekanntenkreis hat sich um ein vielfaches vergrößert und die große Zeitbankfamilie gibt mir die Hoffnung im Alter nette Menschen um mich zu haben.

In letzter Zeit hört man so oft  im politischen EU-Vokabular die Wörter „Euro-Schutzschirm aufspannen“. Wir in unserer Gemeinde haben bereits vor 4 Jahren den Schutzschirm aufgespannt, nur dass er nichts kostet, keine Demonstrationen auslöst, alle erfreut und für unsere Gemeindebürgerinnen ein großer Gewinn ist. Er trägt den Namen Zeitbank für Alt und Jung, Gemeinde Lengau. So dann und wann verliert leider unser Schutzschirm aus Altersschwäche eine Paragonstange, was zwar traurig ist, jedoch zum Leben gehört. Rasch werden die Lücken wieder durch jungen Nachwuchs geschlossen. Mittlerweile ist unser Schutzschirm dem Kinderschirm schon längst entwachsen und es ist daraus ein schützender Sonnenschirm geworden.

Wie weit sind Sie mit Ihrem Schutzschirm? Noch nicht aufgespannt? Dann aber rasch, sonst ist es nur ein Notschirm. Nämlich dann, wenn unser leider bereits bröckeliges soziales System nicht mehr hält. Beim Aufbau einer Zeitbank muss man viel Geduld und Vertrauen haben, es geht langsam voran  und dauert viele Jahre. Wenn Sie bereits einen organisierten Nachbarschaftshilfeverein in Ihrer Gemeinde haben, ein Rat von mir: beginnen Sie rechtzeitig, sich ein Zeitkonto aufzubauen, damit Sie später guten Gewissens davon Gebrauch machen können. Wollen Sie Ihrem Leben nochmals einen Sinn geben, gründen Sie eine Zeitbank, wir helfen Ihnen dabei.

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